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deBORA
04.10.2002, 19:43
Lass mich nicht im Stich, mein Schatz

Hans-Dieter Gehlen ist mit seinem Golf auf dem Weg
zum Weltrekord / Ein Auto wird zum Fernsehstar

"Gleich kommt noch RTL. Und ein Team von auto, motor und sport-TV hat sich auch schon angekündigt." Hans-Dieter Gehlen ist zurzeit ganz schön im Stress. Dabei geht es eigentlich nur um sein Auto. Doch der Golf 1, Baujahr 1983, hat es in sich. Bis heute ist der Wagen sage und schreibe über 932000 Kilometer gelaufen - mit demselben Motor, versteht sich. Gehlen will jetzt unbedingt nur noch Nullen auf dem Tacho sehen - die Eine-Million-Kilometer-Marke hat er fest im Blick. Das wäre ein fabelhafter Rekord.
Seit zum ersten Mal eine Lokalzeitung über den Duisburger und sein "Wunderauto" berichtete und er im Verkehrs-Fernsehmagazin "Rasthaus" des SWR auftrat, steht bei Gehlen kaum das Telefon still. Kamerateams von ZDF, Sat 1, WDR oder Kabel 1 gaben sich fast die Klinke in die Hand. "Das ist zwar mitunter anstrengend, macht aber auch viel Spaß", so Gehlen.
Der 56-Jährige nimmt den Rummel um sein Gefährt auch eher gelassen. Aufregung ist seine Sache nicht. Darin spiegelt sich auch seine Beziehung zu seinem nicht mehr taufrischen Automobil wider: "Ein Fahrzeug muss mich wohin bringen, mehr will ich gar nicht. Es ist ein Gebrauchsgegenstand." Bei so viel Rationalität ist nicht schwer zu erraten, was der Mann von Beruf ist: genau, Buchhalter. Seit er 1983 den Kaufvertrag für den neuen Golf 1 bei Auto Moll in Duisburg unterschrieben hat ("Meinen alten Golf hatte ich gegen 'ne Wand gesetzt"), fährt er täglich zur Arbeit nach Dortmund. Aber auch weite Teile Deutschlands hat das silbergraue Wunderwerk an Beständigkeit schon gesehen. Hunsrück, Saarland, Allgäu - Gehlen hat den Wagen kaum geschont und trotzdem diese beeindruckende Kilometerzahl quasi im Vorbeifahren erzielt. Ob er auch schon im Ausland unterwegs war? - "Ja, in Venlo", sagt Gehlen. Und da blitzt der trockene Ruhrpott-Humor auf, denn Venlo liegt ziemlich genau auf der Grenze zu den Niederlanden.
Auch wenn der Familienvater den Vergleich nicht gerne hört, haben er und sein Golf anscheinend viele gemeinsame Eigenschaften: beide sind zuverlässig und korrekt. Ein Sinnbild ist aber zu schön, um wahr zu sein: Gehlen ist Marathonläufer. Die Strecken in Boston, New York und Berlin hat er alle bewältigt. Einen passenderen Besitzer hätte der Golf kaum bekommen können.
Schon von Berufs wegen führt Gehlen genau Buch über sein Starauto. Zwei dicke Ordner sind schon voll mit Fotos, Artikeln und Rechnungen über Reparaturen. Die hielten sich aber, gemessen am Alter, eher in Grenzen: neuer Tank, neues Getriebe, ein paar Kleinteile. Das wars. Die erste 1,5-Liter-Maschine ist immer noch drin. Unglaublich. "Ach ja, und der Fahrersitz ist etwas durchgesessen."
Als der Golf die 900000er Marke knackte, ging er zur Polizei. "Damit eine Amtsperson es bezeugen konnte." Die Beamten staunten nicht schlecht, gaben Gehlen sogar eine Eskorte und filmten den Tachosprung.
Große Sprünge macht Gehlen mit seinem 820-Kilogramm-Gefährt allerdings nicht mehr. "Ich fahre nur noch 80 oder 90 auf der Autobahn", meint der Rekordfahrer. Den Tachostand hat er auch im Heckfenster verewigt, damit die anderen Fahrer wissen, warum Gehlen so "schleicht". Die niedrige Geschwindigkeit ist denn auch sein Geheimnis, warum der Golf, der sonst 158 km/h Spitze laufen könnte, so alt geworden ist. "Man muss mit seinen Sachen pfleglich umgehen."
Wenn der Golf die Millionengrenze packt, steigt die große Party, verspricht der Hobbyläufer. Dafür drücken vor allem die Jungs in der Werkstatt, die sich seit Jahren liebevoll um den Wagen kümmern, fest die Daumen. Vor ein paar Wochen riss der Zahnriemen. "Da dachte ich schon, es wär' vorbei. Aber jetzt läuft er wieder." Und läuft, und läuft, und läuft irgendwann auch nach Wolfsburg. Denn Gehlen will den Golf 1 selbst ins Automuseum fahren. Als Ersatz wünscht er sich einen neuen Golf, gemäß seinem Naturell "ohne viel Schnickschnack, den brauch' ich nicht."
Nur einmal fällt die nüchterne "Buchhaltermentalität" von ihm ab, und es zeigt sich: Der Wagen ist inzwischen doch mehr als ein Fahrzeug. "Manchmal während der Fahrt erwische ich mich, wie ich über das Lenkrad streichle und sage: ,Mein Schatz, lass mich jetzt nicht im Stich. Du hast mich schon so weit gebracht'..." -lv-